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2008

Djivan Gasparyan - Portrait - Soul of Armenia - Network MedienBesser hätte das Jahr 2008 nicht anfangen können. Das Porträt „Djivan Gasparyan – The Soul of Armenia“ erhielt eine Fülle an Auszeichnungen:Preis der deutschen SchallplattenkritikSonglines u. a. Preis der Deutschen World Music Charts EuropeSchallplattenkritik, Top of the World bei Songlines, zwei Monate Platz 1 der European World Music Charts. Schon bei unserer ersten Reise nach Armenien für die Aufnahmen zu der CD „Armenian Phantasies“ hatten wir mit Djivan ein musikalisches Porträt mit Höhepunkten seines musikalischen Schaffens besprochen. Doch es sollte bis kurz vor seinem 80. Geburtstag dauern. In Los Angeles, wo seine Tochter Narine lebt, und in seiner Heimatstadt Jerewan entstanden im Laufe des Jahres 2007 eine Fülle fantastischer Neuaufnahmen, u.a. im Zusammenspiel mit dem L.A. Classic Ensemble, mit einer Harfenistin, einem Pianisten, orientalischen Lauten und mehreren Duduks. Als Weltpremiere hören wir Djivan erstmals zusammen mit seinem Enkel und Schüler Djivan Gasparyan jr., der auch einige der neuen Stücke arrangiert hat. Dank Djivan geht nun schon seit Jahrzehnten der erdig-warme Klang der kleinen Aprikosenholz-Oboe Duduk um die Welt. Viele Musiker luden ihn zu gemeinsamen Aufnahmen ein, u.a. das Kronos Quartett, Peter Gabriel, Brian Eno, Andreas Vollenweider, Michael Brook. Häufig spielte er die Musik zu großen Hollywood-Filmen, u.a. für „Gladiator“, „The Crow“, „Das Russlandhaus“, „Dead Man Walking“. Für diese 2½-stündige Edition haben wir Highlights seiner Karriere durch die vielen beeindruckenden Neuaufnahmen ergänzt. Sicher eines der schönsten Geburtstagsgeschenke für diesen nimmermüden kreativen Zeitgenossen. Zum Dank schickte er uns in diesen Tagen einen 25 Jahre im Faß gereiften armenischen Kognak – er wartet nun neben den Wodka-Flaschen (alle mit dem Jivan Gasparyan-Label !) auf seinen nächsten Besuch. Und wie immer, wenn wir feucht-fröhlich mit ihm zusammen sind, entstehen neue musikalische Träume...

Im letzten Newsletter hatten wir uns zur Krise der Phonobranche geäußert. Die Einschätzungen haben sich mehr als bestätigt. Die Umsatzrückgänge der Großindustrie haben noch dramatischere Ausmaße angenommen. Und das liegt nicht nur an den Downloads und an der privaten Kopiererei, sondern auch am zunehmenden Mangel an Kreativität und glaubwürdigen Inhalten. Beliebigkeit beherrscht den Markt, ein Kulturgut wird zur Ramschware degradiert. Doch Beliebigkeit nimmt der Musik ihre Magie. Die selbsternannten Zukunftsapostel proklamieren bereits den Tod des physikalischen Tonträgers, sie träumen von der allgemeinen Verfügbarkeit von Musik wie bei Wasser aus dem Hahn, für eine geringe Gebühr je nach Wunsch abrufbar. Sie verschweigen, wie unter derartigen Bedingungen kreative Prozesse für die Entstehung von Kunst überhaupt noch finanziert werden können.... oder sollen nur noch selbstgebastelte Sounds von einem Heer aus Hobbymusikern aus diesen Hähnen tröpfeln?

Auf der anderen Seite blüht das musikalische Leben in den Nischenmärkten für Weltmusik, Jazz und moderner Klassik. Hier werden parallel zur flachen Massenware neue Distributionswege und neue Bindungen zwischen Künstler, Label und Publikum entstehen. Während in Ländern wie Frankreich und England diese Parallelität in den Feuilletons der großen Zeitungen durchaus wahrgenommen wird, herrscht in Deutschland hierzu skandalöse Ignoranz. Ein sonderbarer Populismus hat die Redaktionen erfasst. Parallel zur Desorientiertheit der Musikbranche ist auch hier „middle of the road“ angesagt. Da scheinen die letzten privaten Fürze gealterter Poplegenden wichtiger als jegliche Innovation oder Kreation aus anderen Kulturen zu sein. Die erwünschte Attraktivität für das jüngere Publikum wird verfehlt – die Erwartungshaltung an seriöse kulturelle Berichterstattung ist höher. So dominiert also auch hier in Parallelität zur Musikindustrie zunehmende Beliebigkeit und Verwässerung. Doch das Publikum, das angesichts der Wiederkehr des Immergleichen, behandelt wird, als ob alle an Alzheimer erkrankt sind, kann sich wehren: Briefe an Reaktionen, begründete Kündigung von Abonnements, verändertes Kauf-, Seh- und Hörverhalten haben durchaus Wirkungen.
Esma Redzepova - Gypsy Carpet - Network Medien
Mehrere musikalische Reisen führten uns im letzten Jahr zur Magie der Musik an unterschiedliche Orte unseres Erdballs. Bei unseren Aufnahmen für Gypsy Queens im Jahr 1999 verabschiedeten wir uns von Esma Redzepova mit der Bemerkung: „Wann immer du mit deinem Ensemble zu akustischen Aufnahmen von neuen Stücken bereit bist, kommen wir.“ Es sollte Jahre dauern, ihre neuen Projekte mit Synthesizer und anderer Elektronik hatten uns nicht interessiert. Im Rahmen der Tournee „Kings and Queens“ mit der Fanfare Ciorcalia und u.a. Esma als Gast war es dann so weit. Esma sagte nur kurz: „Scholze, pack deine Sachen, komm nach Skopje, wir sind bereit.“ Entstanden sind für die CD „Esma Redzepova & Ensemble Teodosievski – Gypsy Carpet“ viele emotionale Stücke, in denen Esma mit glühendem Temperament und leidenschaftlicher Intensität über Sehnsüchte und Schicksale der Romafrauen singt. Am Ende der Aufnahmen gab es in Skopje eine Pressekonferenz, viele Medien wollten über das neue Projekt ihrer nationalen Ikone berichten. Zwischen den Interviews sprang Esma immer wieder auf und tanzte fröhlich zu ihren neuen Stücken.
Clejani Express - A Devla - Network Medien
„Rasende Ekstase und Elegie – höchst beeindruckend, was hier an urbanen Sounds organisch aus der Tradition erwachsen ist.“ Mit diesen Worten resümierte Christian Scholze seine Reise zu der aktuellen musikalischen Roma-Kultur in Rumänien. Eben noch bei Esma in Skopje, saß er nun inmitten von Generationen von Musikern rund um einen Grill im legendären Dorf Clejani in Südrumänien: Geburtsstätte und Heimat von vielen großartigen Musikern. Von hier aus machte sich der Akkordeonist und Arrangeur Ionitsa mit der Sängerin Viorica auf dem Weg in die Großstadt Bukarest und kreierte hier mit dem Ensemble Clejani Express einen urbanen Sound, wie es ihn in der Romamusik bisher kaum gab: fulminante Bläsersätze, virtuose Geigen, Cymbalon, Akkordeon, Perkussionen und in deren Mitte die feurige Stimme von Viorica. Die CD „A Devla“ enthält als Network-Premiere auch einen aufwendig gedrehten Video-Clip als Bonus.
Sevda - A Flower in Bloom - Network Medien
Die nächste Aufnahmereise führte uns dann an das Kaspische Meer nach Baku/Aserbaidschan zu einem musikalischen Juwel: Sevda, mit einer sinnlichen Stimme, nach der wir schon lange suchten. Schon beim fürstlichen Empfang am Flughafen wurde deutlich: Sevda ist ein Star in ihrer Heimat. Am Ende der Aufnahmen kam es zur offiziellen Vertragsunterzeichnung bei einer großen Pressekonferenz mit 8 Fernsehteams und ca. 60 Journalisten – ausführlich wurde über diesen neuen Schritt ihres Lieblingsstars berichtet. Großen Raum nahmen die Fragen an uns ein, wohin wir musikalisch nun mit Sevda wollen? Eher traditionell oder als Pop-Sängerin mit MTV-Dimensionen? Der an Musik sehr interessierte Kultusminister hatte Christian gar zu einem Gespräch geladen und sprach seine Befürchtungen offen aus: „Wir befürchten, dass Sie uns unseren musikalischen Diamanten in die westliche Welt entführen“. Er nannte einige bekannte Beispiele, doch Christian konnte ihn beruhigen und erzählte von unserer Faszination an den aserbaidschanischen Mugam-Traditionen. Wegen der Improvisationen, die fester Bestandteil dieser aus Gesang und wenigen Instrumenten bestehenden Musik sind, konnten organisch mit dem jeweiligen Zeitgefühl jazzige und populäre Varianten aus ihr erwachsen. Gerade die Verwurzelung von Sevda und ihrer Musik in Aserbaidschan hatte uns zu der Zusammenarbeit bewogen. Eine Realisierung dieser Projekte mit einer im Ausland lebenden Sevda, gar noch mit westlichen Musikern, scheint uns nicht möglich zu sein.Wir hatten uns in der westlichen Welt eine etwas größere Resonanz erhofft – bei allem Lob für ihre stimmlichen Qualitäten wurde in mehreren Rezensionen kritisiert, dass die CD „Sevda - A Flower in Bloom“ zu viele unterschiedliche musikalische Stile enthält. Ja, das Repertoire reicht von klassischer Mugam-Musik über Pop-Balladen bis hin zu einer Salsa-Variante vom Kaspischen Meer. Für den ersten Schritt hatten wir uns aber entschieden, zunächst ihr breites Spektrum von ihren besten bereits existierenden Stücken vorzustellen und nur wenige Neuaufnahmen hinzuzufügen. Unterdessen bereiten wir die Aufnahmen für die nächste Network-CD von und mit Sevda vor. In bewährter Network-Tradition wird es ein Konzept-Album mit dem Schwerpunkt auf jazziger Mugam-Musik werden. Wir erwarten diese neue CD für Ende 2008/Anfang 2009. Wir hoffen sehr, dass Sevda sich im Jahre 2008 erstmals auch mit einigen Konzerten dem Publikum in der westlichen Welt vorstellen kann.
Ensemble Dastan - Endless Ocean - Network Medien
Wie bedeutend für Musiker und das Label Live-Konzerte sind, erleben wir gerade mit der Gruppe Dastan. Während wir diese Zeilen schreiben, tourt die Gruppe gerade durch viele Großstädte Europas, im Anschluß an eine sehr erfolgreiche Tournee durch die USA und Kanada. Tausende CDs ihres aktuellen Werkes „Dastan & Salar Aghili – The Endless Ocean" mussten wir für die Konzertverkäufe in alle Himmelsrichtungen verschicken. Von großer Bedeutung ist hier, dass im Exil lebende Iraner die Kunstmusik ihrer Heimat verehren und immer die Konzertsäle füllen. Die CD „The Endless Ocean“ ist nun schon die vierte Network-CD mit dieser sehr kunstvollen und kreativen Gruppe: Bei diesem neuen Projekt, hervorragend von unserem Kooperationspartner RBB in Berlin aufgenommen, stellt Dastan den neuen Gesangsstar Aghili vor. Er singt in der Tradition der alten Meister, doch sein persönlicher Stil enthält einen neuen, frischen Duft – er singt von der Suche nach Perlen in einem endlosen Meer. „Das Herz brennt, um das Feuer der Liebe in Ewigkeit zu entflammen.“ In der Zusammenarbeit mit dem virtuosen Ensemble Dastan entsteht eine Klangfarbe, die im Zaubergarten der persischen Musik und Poesie neu und außergewöhnlich ist. Für alle, die bisher bei klassischer persischer Musik gezögert haben: Keine CD eignet sich aus unserer Sicht besser zum Einstieg als diese!

Die Erfolgsgeschichte des Projekts Desert Blues geht weiter. In Kürze wird sich unser Traum einer Trilogie verwirklichen: Desert Blues Vol. III setzt diese Reise zu der ruhigen Seite der Musik Afrikas fort. Im Jahr 1995 konnten wir nicht ahnen, dass diese Reihe einen derartigen Erfolg haben sollte, gar ein neues Genre ins Leben rief. Selbst die hochformatige Aufmachung setzte neue Maßstäbe, Verpackung und Inhalt wurden mehrfach kopiert, Festivals mit dem Bezug zur Musik der Wüste entstanden, kürzlich kam es gar zu einer kleinen Bühnenshow unter dem Namen „Desert Blues“. Das neue Werk Desert Blues III wird auf zwei vollen CDs fantastische Balladen aus zehn Ländern rund um die Sahara enthalten.

Parallel entstand die Reihe Golden Afrique, die für bestimmte Regionen Afrikas die Goldene Zeit der afrikanischen Popmusik in den 70er und frühen 80er Jahren dokumentiert. Ein großes Panel aus europäischen Musikexperten wählte jede der drei bisherigen Editionen in der renommierten Zeitschrift fRoots zur besten Kompilation des Jahres! Schon über ein Jahr lang arbeiten wir an Golden Afrique Vol. IV, die Musik ist ausgewählt und zusammengestellt, aber in diesen westafrikanischen Ländern ist es extrem schwierig, die jeweiligen Rechtsinhaber zu finden. Wir hoffen sehr, dass unsere Recherchen mit Hilfe von engen Freunden noch im Laufe des Jahres 2008 erfolgreich beendet werden können.

Psarantonis & Xelouris Ensemble - Mountain RebelsIn Zeiten, in denen die Musikbranche die größte Krise aller Zeiten befallen hat, ein neues Label zu gründen, mag manchem als töricht oder übermütig erscheinen. Dennoch: Unser alter Traum des Sub-Labels „Raki-Records“ hat sich nun realisiert. Ende des letzten Jahres besuchte Psarantonis, der legendäre kretische Barde, Christian an Kretas Südküste. Bei ein paar Gläsern Raki heckten die beiden ein neues Projekt aus: Psarantonis folgte unserem Wunsch und erschien Anfang des Jahres in Heraklion mit seinen Söhnen und seiner Tochter, alle Vollblutmusiker mit eigenen Bands. Für die neue CD „Psarantonis & Xelouris Ensemble - Mountain Rebels“ nahmen sie Balladen und einige wilde Stücke auf. Raki, in Kreta ein Tresterschnaps, auf dem Festland Griechenlands und in der Türkei mit Anis versetzt, ist der Geselligkeitstrunk rund um das Ionische, Ägäische und das Lybische Meer. Raki- Records wird aufregende und manchmal auch etwas verrückte Musik aus diesem Kulturraum dokumentieren. Also keine repetitive Volks- und Festmusik, denn das Unberechenbare in der Musik, ihren tieferen emotionalen und magischen Gehalt festzuhalten, wird der programmatische Schwerpunkt von Network bleiben.

Die jeweiligen Neuerscheinungen werden wir auch weiterhin am Anfang unserer Website herausstellen, mit dem jeweiligen Erscheinungsdatum in den unterschiedlichen Ländern. In zwei Ländern haben wir zwischenzeitlich den Vertrieb gewechselt: In England betreut unser Programm jetzt Harmonia Mundi U.K., in Griechenland die Firma A&N.

Informationen über aktuell tourende Bands aus unserem Programm werden wir auch weiter hier auf unserer Website unter der Rubrik Konzerte / Tourneen geben.

Nach wie vor ist es schwierig, sich auf dem überfüllten Markt mit Neuerscheinungen zurecht zu finden. Kompetente Orientierungshilfen geben nach unserer Meinung folgende Zeitschriften fRoots (GB), Songlines (GB), Concerto (Ö), folker (D), Vibration (CH, F), Batonga (E), Jazzthetik (D), mondomix.com, Afropop.org (USA), The Beat (U.S.A.)

Interviews über Programm und Philosophie von Network, Texte über Gypsy Queens, Tango, eine Woche mit Bratsch in Kreta, ein Mosaik von Inselphantasien sowie ein Essay über Weltmusik, Fast Food und nackte Bäuche finden sich auf der Website www.christianscholze.de

Wir bedanken uns bei allen, die uns auch im letzten Jahr bei unseren Reisen in die unterschiedlichen kulturellen Räume unseres Erdballs begleitet haben.

Auf Wiederhören!

Das Network-Team