Abaji’s zweite Network-CD „Nomad Spirit“ hatte sofort viele Konzerte zur Folge. Seine Reisebegleiter, der marokkanische Ud-Spieler Majid Bekkas und der indische Meisterperkussionist Ramesh Shotham, waren häufig dabei. Im Dezember fand dann in Paris in La Maroquinerie ein fulminantes Präsentationskonzert statt. Abaji hatte viele musikalische Gäste auf die Bühne geladen und deutete an wie die Reise dieses „Troubadours der Beduinen“ wahrscheinlich weiter geht. Ein Journalist brachte die Eindrücke bei einem Konzert mit Abaji auf die Kurzformel:
„Wunderbare orientalische Duftnoten für die Ohren“. Songlines schrieb über die neue CD: „Große mediterrane und zentralasiatische Visionen verbinden sich hier mit Blues in einer perfekten Synthese. (“Grand Mediterranean and Central Asian visions interlink with the blues in a perfect synthesis“)
Rechtzeitig zu einer großen Konzertreise durch verschiedene europäische Großstädte erschien die Doppel-CD mit Parissa und dem Ensemble Dastan „Gol-e Behesht“ (“Die Rose des Paradieses“). Die „Diva des persischen Gesangs“ hat mit dem Ensemble Dastan ein homogenes, virtuoses Ensemble gefunden, das die Tragweite ihrer Stimme „wie den Dunst der Freundschaft“ fortträgt. Nicht nur im Ausland lebende Iraner strömen zu den ausverkauften Konzerten; die klassische persische Musik – hier in höchster Kunstform – findet auch bei uns immer mehr Bewunderer.
„Das Timbre, die Deklamation und Ausdruckskraft, das Einfühlungsvermögen dieser singenden Prinzessin aus 1001 Nacht sind einmalig“ (Concerto). Am Ende der Konzerte ist Parissa stets erschöpft aber glücklich: „Die tiefen Gefühle der erotischen Poesie in aller Intensität auszudrücken, erfasst bei mir Seele und Körper bis hin zu Grenzbereichen des Möglichen. Ich bin froh, als Frau mit meiner Kunst wieder auftreten zu können und träume freilich von mehr Respekt und Möglichkeiten auch in meinem Land.“ Im Sommer 2006 steht für Parissa und Dastan eine große Tournee durch die U. S. A. an.
Konzerte für große Musikgruppen mit 15 und mehr Mitgliedern werden in Europa angesichts gestrichener oder ausgedünnter Subventionen bei gleichzeitig höherer Besteuerung immer schwieriger. Die mit uns kooperierenden Konzertagenturen berichten häufig, dass die Veranstalter sofort fragen „Wie groß ist die Gruppe?“, zumeist bevor sie sich näher mit der Musik beschäftigen. Eine 15-köpfige Gruppe aus dem fernen Ausland hat da kaum noch Chancen. Möglichkeiten bestehen zumeist nur bei größeren Festivals, aber da setzen die kleinen und großen Impressarios häufig auf sog. „big names“. Daneben werden HipHop-, Drum&Bass-, Remix- und DJ-Projekte platziert, um mit diesen modischen Formen das junge Publikum zu erreichen. Doch das funktioniert häufig nur begrenzt. Wenn das Spannende der Musik, die Unberechenbarkeit tieffühliger Kunst an Stimme und Instrument fehlt, dann verliert diese Geschichte schnell an Überraschungseffekt der ersten Stunde und droht gleichförmig, repetitiv und somit langweilig zu werden. So überraschte es nicht, dass eine pompös aufgemachte Disko in Berlin mit derartiger Musik schnell ihr Publikum verlor.
Wir sind froh, dass die 15-köpfige Gruppe SambaSunda aus Indonesien mit der Unterstützung des Arts Council England im Sommer 2006 in Europa auf Tournee gehen wird. Stützpunkt wird London sein, wo auch die betreuende Agentur Kapa-Productions ansässig ist. Katerina Pavlakis von Kapa hatte im letzten Jahr die Aufnahmen in Bandung/Java mit betreut und hat sich wie wir in den groovigen Sound dieser sympathischen Gruppe verliebt.
Im Herbst 2005 erschien das hochformatige Doppel-CD-Paket Golden Afrique Vol. 2. Der große Erfolg von Golden Afrique Vol. 1 hatte das Herausgeberteam angespornt. Der zweite Teil dieser groß angelegten Reise in die goldene Zeit der afrikanischen Pop-Musik in den 70er und frühen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts führt uns diesmal tief in die frühe Geschichte der Tanzmusik Kongos. Die Geschichte der zentralafrikanischen Gitarrenmusik von der afrikanischen Rumba bis zu den Frühformen der Soukousmusik wird von den ganz großen Interpreten aufgeblättert. Dazu als absolute Rarität musikalische Glanzleistungen auch weniger bekannter Künstler, zum Teil als Erstveröffentlichungen auf CD.
Ende des Jubiläums-Jahres 2005 gab es dann bei uns noch ein großes Glücksgefühl. 200 unabhängige Journalisten und Musikexperten aus aller Welt hatten für die Jahresauszeichnungen bei der Musikzeitschrift fRoots Golden Afrique Vol. 1 auf Platz 1 und Golden Afrique Vol. 2 auf Platz 2 der Charts für die besten Kompilationen des Jahres 2005 gewählt. Der Herausgeber dieses renommierten Magazins beglückwünschte uns:
„Das ist das erste Mal, dass ein Label hier die beiden ersten Plätze belegt.“ Die große Mühe in der Recherche, das Auswählen und kunstvolle Zusammenfügen, hat sich offensichtlich gelohnt. Immer wieder hören wir von den begeisterten Rezensenten:
„Zunächst war ich skeptisch, da ich dachte aus jener Zeit fast alles zu kennen. Aber dann kam die Überraschung: absolute musikalische Leckerbesser bekannter Größen, daneben aber eine Fülle von Raritäten heute fast vegessener Künstler. Das alles feinfühlig zusammengestellt mit wertvollen Informationen im Text über die Zeit.“
Doch nun zum Sahnehäubchen auf den vielen musikalischen Geburtstagkuchen. Im Sommer 2005 rief uns eine Freundin an: „Findet Magou!“ Sie hatte im Fernsehen eine kleine Passage gesehen, in der Magou in Dakar bei einer Jam-Session auf der Straße sang und Gitarre spielte. Unsere Recherchen wurden zu einer spannenden Odyssee. Schließlich fanden wir den Musiker und auch einige Aufnahmen, die er in Dakar im Studio gemacht hatte. Nun hatte die Begeisterung auch uns gepackt:
Die warme, weiche und tiefe Stimme von Magou stellt eine Rarität in der westafrikanischen Musikwelt dar. Im Oktober war es dann soweit: Magou landete bei seiner ersten Reise in ein anderes Land mit seiner Gruppe in Frankfurt. Selten haben Musiker so viel Sonne in unser Leben hier gebracht. In kreativer Atmosphäre entstand die CD „Africa Yewul“ („Afrika, wach auf!“). Wir waren gespannt auf die Reaktionen. Wir sollten nicht lange warten. Die erste Lobeshymne erschien in dem seriösen Kulturteil der FAZ:
„Diese CD ist ein wundersam unterhaltendes Werk geworden, ethnisch geerdet mit einem tiefen Gefühl für afrikanische Körperrhythmen, aber auch mit vielen Antennen in der globalen Neuzeit… Die Stimme von Magou dürfte kaum irgendwo ihresgleichen haben. Sie ist rau und tief, manchmal erinnert sie an Tom Waits, ist aber viel wandlungsfähiger. Man kann ihn sich gut als Gegenpol zu seinem großen Landsmann Youssou N’Dour vorstellen.“
Auch Songlines verglich auf sehr löbliche Weise Magou mit den bekannten Pop-Stars aus Westafrika und zeichnete die CD mit „Top of the World“ aus. Magou ist für Konzerte im Ausland bereit. Wir hoffen, dass im Herbst 2006 viele Veranstalter diesen newcomer auf die Bühne bitten. Aus Erfahrungen wissen wir, wie Magou das Publikum mit seinen Tanzrhythmen und mit seinen tieffühligen Balladen verzaubern kann.
In Dakar und in den senegalesischen Gemeinden in Europa hat sich Magous Musik wie ein Lauffeuer verbreitet – wohl noch nie ist eine Network-CD so oft kopiert worden. Die Cassetten-Rechte für den Senegal haben wir Magou geschenkt – wir hoffen, dass er etwas schneller als die Raubkopierer ist.
Anfang 2006 wurden in Amsterdam die Aufnahmen mit Izaline Calister und ihrem illustren Ensemble für ihre zweite Network-CD gemacht: Kanta Hélele. Nach dem großen Erfolg ihrer CD „Krioyo“ ( in mehreren Hitparaden der Karibik Platz 1 der Musik-Charts) und umjubelten Tourneen durch viele Länder ging Izaline für diese neuen Aufnahmen zunächst in sich:
„Ein erweitertes musikalisches Konzept brodelte in mir. Beim Komponieren und Arrangieren der neuen Stücke wollte ich meine musikalischen Wurzeln aus Curaçao mit den magischen Elementen der Musiken, mit denen ich in den letzten Jahren immer wieder in Berührung kam, in Verbindung bringen – dies in einer sehr persönlichen Annäherung“.
Entstanden ist in überschäumender Freude an diesem Projekt ein südkaribischer Cocktail voller virtuoser Rhythmen und hinreißender Balladen. So versetzte sie antillanischen Walzer mit Calypso-Rhythmen, ließ Djunglesounds in ein Salsa-Stück münden; aus „musik di zumbi“ (Musik der Geister) wurde ein feuriger „Karnaval di Zumbi“, Geigen leiten ein grooviges Merengue-Stück ein, eine karibische Hymne wurde mit einem afrikanisch klingenden Chor völlig neu arrangiert. Dazu mehrere ruhige Stücke, in denen Izaline herzergreifend singt, begleitet von Piano, Gitarren, Cello und Akkordeon. Eine betörende Feier der karibischen Vielfalt.
Soeben ist Christian begeistert von einer aufregenden Aufnahmereise aus Istanbul zurück gekehrt: Eine Woche nächtelange Studiosessions mit dem Istanbul Oriental Ensemble. Die Gruppe hat sich unterdessen stark verjüngt und eine erstaunliche neue Kraft entfaltet. Der Titel der vierten CD dieser sehr erfolgreichen und weltweit tourenden Gruppe ist „Grand Bazaar“. Die wechselhafte Geschichte des größten und ältesten überdachten Bazaars ist musikalischer wie thematischer Bezugspunkt dieses Projekts: Traditionelle osmanische und türkische Musik in höchst modernen Gewändern. Schon bei dem voll besetzten Open Air Konzert im Frankfurter Palmengarten hatten wir erlebt, wie diese beschwingt aufspielende Gruppe jung und alt zum Tanzen brachte. Gerade heute scheint diese groovige Ausformung traditioneller Musik, organisch mit dem heutigen Zeitgefühl auf akustischen Instrumenten entwickelt, eine passende Antwort auf simplifizierende Remix- und DJ-Projekte zu sein: hier werden balkaneske 7/8-Rhythmen nicht entfremdend in 4/4-Takte gezwängt.
Einer der musikalischen Leckerbissen auf dieser CD ist das Gastspiel des jungen Kanun-Spielers Mehmet Çeliksu. Sein virtuoses Solo und sein Duo mit dem Meisterperkussionisten Burhan Öçal (unterdessen auch erfolgreicher Schaupieler in großen Filmen) werden mit Sicherheit zu Höhepunkten in der Geschichte der orientalischen Musik.
Im Oktober 2006 erscheint Golden Afrique Vol. 3. Die Reise führt uns hier in die goldene Zeit der Pop-Musik von Südafrika, Zimbabwe und Sambia. Neben Frühformen des Townhship Jive hören wir fantastische Stücke von damals populären Gruppen, die heute fast in Vergessenheit geraten sind. Daneben erste Highlights von noch heute populären Stars wie Miriam Makeba, Mohotella Queens, Hugh Masekela. Parallel zur vielfältigen Musik Südafrikas haben sich in den Ländern Zimbabwe und Sambia eigene Stile mit herrlichen Gitarren und Gesängen entwickelt.
Ob wir im nächsten Jahr bei Golden Afrique Vol. 4 die Reise an der Ostküste weiter nördlich fortsetzen oder wieder an die afrikanische Westküste zurückkehren ist noch nicht entschieden. Wir recherchieren für beide Projekte parallel.
Daneben arbeiten wir noch an einer Reihe weiterer Pläne, wollen uns aber wegen des zunehmenden Ideenklaus hier nicht weiter äußern. (Kommentar zu diesem unangenehmen Marktgeschehen siehe Editorial 2005).
Viele unserer Kunden haben es bereits gemerkt und machen unterdessen Gebrauch davon: von den Projektbeschreibungen auf unserer Website ist es möglich, direkt den Warenkorb bei Zweitausendeins zu füllen. Die bestellten CDs landen dann wenige Tage später im Briefkasten. Von weiteren Möglichkeiten des e-shoppings und von downloads haben wir uns bewusst zurück gehalten.
Ob bei der Weltmusikmesse WOMEX oder am Rande der vielen Konzerte: immer wieder treffen wir zufriedene Käufer unserer CDs, die uns beglückwünschen und uns für die musikalischen Erlebnisse mit unseren Projekten danken. Das gibt uns Kraft, auch im Hinblick auf die schwerer gewordenen Zeiten der gesamten Phonobranche. An der hausgemachten Krise der Großindustrie wird auch der aktuelle Trend des Recycelns alter Renner von gestern nichts ändern: es fehlt an kreativen Projekten mit glaubwürdigen Inhalten. Beliebigkeit beherrscht den Markt, doch Beliebigkeit nimmt der Musik ihre Magie. Vor allem wegen der hohen Qualität unserer Projekte ist es uns gar gelungen, dass 2005 mehr Musikliebhaber unsere CDs kauften als im Jahr zuvor. Manche halten das für eine kleine Sensation.
Nach dem Konzert von Abaji am Rande Frankfurts kam zu einer schönen Begegnung. Wir wollten im Restaurant des Hauses gerade mit Abaji auf das gelungene Konzert anstoßen, als ein uns bis dahin unbekannter treuer Network-Kunde mit einem großen Stapel von Abaji-CDs, die er nach dem Konzert von ihm erworben hatte, vorbeischlenderte. Wir fragten ihn, warum er etliche CDs mehrfach gekauft hatte. Er antwortete: „CDs, die mir sehr gut gefallen, verschenke ich gerne. Wenn ich sie kopiere, geht doch der wahre Geist der Projekte, der sich auch in der Aufmachung und bei den Hintergrundinformationen ausdrückt, verloren. Außerdem: wenn alle CDs nur noch kopiert oder kostenfrei aus dem Internet heruntergeladen werden, dann wird diese Musik zwangläufig aussterben, weil niemand sie noch finanzieren will oder kann“. Wie recht er hat! Faire hatte ihre Kamera dabei und hielt diese Szene für diesen Newsletter fest.
Interviews über Programm und Philosophie von Network, Texte über Gypsy Queens, Tango, Eine Woche mit Bratsch in Kreta, Ein Mosaik von Inselphantasien sowie ein Essay über Weltmusik, Fast Food und nackte Bäuche finden sich auf der Website http://www.christianscholze.de/
Nach wie vor ist es schwierig, sich auf dem überfüllten Markt mit Neuerscheinungen zurecht zu finden. Kompetente Orientierungshilfen geben nach unserer Meinung folgende Zeitschriften
fRoots (GB), Songlines (GB), Concerto (Ö), folker (D), Vibration (CH, F), Batonga (E), Jazzthetik (D), mondomix.com, Afropop.org (USA), The Beat (U.S.A.)
Wir bedanken uns bei allen, die uns auch im letzten Jahr bei unseren Reisen in die unterschiedlichen kulturellen Räume unseres Erdballs begleitet haben.
Auf Wiederhören!
Das Network-Team
P.S.
Unsere Ankündigung, demnächst mehr kurze Newsletter in geringeren Zeitabständen zu schreiben, hat einigen Protest hervorgerufen. Tenor war immer wieder: Auf die jeweiligen Neuerscheinungen werde doch ohnehin auf der Website sofort hingewiesen. Interessanter sei es, mehr über die Entdeckungs- und Entstehungsgeschichte der Projekte sowie über das Innenleben von Network zu erfahren.
Das überzeugte uns, also bleiben wir beim bewährten Konzept.