tuareg

Newsletter Herbst 2010

2. World Ballads

Angesichts eines runden Geburtstages, mischen sich oft Rückblick und Ausblick. 30 Jahre Network ließen uns wieder einmal durch unser Programm streifen. Bei der Edition zu unseren 25 Jahren, entstand das 3-CD-Set "Emociones". Ziel war es hier eher die Breite und Tiefe des Programms zu dokumentieren, viele Kulturen, musikalische Stile sollten vertreten sein. Bei der Doppel-CD "World Ballads" sind Blicke auf die ruhige Seite unseres Programms gerichtet.

Psarantonis

Die hier ausgewählten Balladen stammen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Gemeinsam ist ihnen häufig der thematische Focus, der auf Liebe, Sehnsucht, Seelenschmerz, Anklage oder tiefe Trauer gerichtet ist. Es geht aber nie um die Traurigkeit um ihrer selbst willen, nicht um Ausdrucksformen hilfloser Verlassenheit oder um larmoyanten Weltschmerz, sondern eher um die öffentliche Verarbeitung von Trauer als eine Möglichkeit der Wiederaneignung von Lebenskraft.

Im Begleittext schrieb Christian:

"Musik-Balladen sind Oasen in unserer lärmigen Welt. Uns umgeben Motorengeräusche aller Art, im Fernsehen aufgeregte Dialoge mit wenig Wortschatz, Werbepenetration mit lauter, teils offener, teils subtiler Befehlsprache, im Radio die immer gleichen und zentral ausgepegelten Hits und ansonsten ein ständiger Hintergrundgeräuschpegel, dessen Fehlen uns erst auf ruhigen Inseln oder in der Wüste richtig auffällt.
Balladen laden ein zum Träumen, Schmusen, Dösen, Fantasieren, zur Ruhe, zur Besinnung, zum Segeln durch Landschaften, zum sinnlichen Gedankenaustausch und manchmal auch zu einem kleinen Karneval des Müßiggangs."

Und die Reise in die Welt der Balladen beendete er mit den Worten: 

"Ich hatte das riesige Glück – Apollon und allen Göttern des Himmels sei gedankt dafür – bei den Aufnahmen fast aller hier vorgestellten Balladen persönlich anwesend zu sein. Oft saß ich den Musikern direkt gegenüber, das erste Publikum bestand bei der Erstaufführung manchmal nur aus mir. Ich gebe es offen zu: oft habe ich vor Rührung geweint, bei der anschließenden tiefen Umarmung mit den Akteuren auch gemeinsam mit den Musikern. Es ist unser Wunsch, insbesondere der beteiligten Musiker, dass die tiefen Gefühle, die wir in diesen Situationen erlebten, auch das Publikum erreichen und, auch wenn diese Balladen bei jedem Einzelnen unterschiedliche Gefühlswelten auslösen mögen, berühren."

3.  Musik und Gefühl

Balladen können uns tief berühren, dieses sinnlich-körperliche Gefühl der Gänsehaut auslösen.
Musik und Emotion: ein heikles Thema. Keines der Erklärungsmuster, welche Musik uns nun stärker oder weniger berührt, greift wirklich. Unterdessen gibt es eine Vielzahl von Forschungen zu diesem Thema. Ob nun neurophysiologische Studien, Forschungen mit biochemischem, psychobiologischem, behavioristischem Ansatz: die Ergebnisse sind unbefriedigend. Kein Wunder! Diese komplexe Phänomen lässt sich nicht auf einzelne messbare Faktoren reduzieren.
Laßt uns doch dieses schöne Geheimnis!

 

"Bruno Girard von Bratsch"


So kommt Gunter Kreutz in seiner Abhandlung "Musik und Emotion" (in Bruhn, Kopiez, Lehmann "Musikpsychologie", Reinbek 2008), in der er die unterschiedlichen Forschungsansätze und -Ergebnisse auswertet, zu dem Ergebnis, wir lesen und staunen:

"Es bleibt zu vermuten, dass die Musik dann ihre größte Wirkung hat, wenn sie dazu dient, das sich Menschen zu friedlichen Gemeinschaften versammeln und in liebevoller Absicht miteinander umgehen."

Freilich fragen einige Forscher unterdessen auch, ob sich universell gültige Musikstücke, Teile von Musik finden lassen, die bei allen Menschen – kulturunabhängig – tiefe Gefühle auslösen. Die Suche nach den ultimativen Gänsehautmusik.

Da wegen der Komplexität der Vorgänge in Hirn und Körper eine lineare Dynamik nicht isoliert beobachtet und gemessen werden kann, bleibt die Introspektion: die Beschreibung, Beurteilung, Skalierung durch die Testpersonen.
Orientiert am Bildungsbürgertum und zudem eurozentristisch gedacht, werden zumeist als hoch emotional eingeschätzte Versatzstücke aus der europäischen Klassik herangezogen. Doch die Testpersonen reagierten nicht alle gleich oder ähnlich. Vielleicht wären die Ergebnisse völlig anders, wenn als Musikbeispiele zeitlich überdauernde Balladen aus der Geschichte des Jazz, der Popmusik ausgewählt worden wären. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kürzlich hatte die Gruppe Bratsch in unserer Heimatstadt Frankfurt ein Konzert. Wie immer, wenn wir unsere Freunde bei derartigen Gelegenheiten treffen, münden diese Abende in ein freudiges Wiedersehensfest. Bei diesem  Konzert war auch der berühmte Hirnforscher Wolf Singer anwesend und schloß sich danach, noch begeistert von dem Konzert, unserer lustigen Runde an. Etwas provozierend fragte ihn Christian: "Läßt sich dieses besondere 'Bratsch-Feeling', das wir heute erlebt haben, quantifizieren, durch Forschung verlässlich messen?"

Die Antwort: "Definitiv nein!".

Bleiben wir also bei Platon: "Musik und Rhythmus finden ihren Weg zu den geheimsten Plätzen der Seele."

Die geheimen Plätze und die Wege dorthin werden sich auch weiterhin gegenüber der Zerlegung durch Forschung sperren. Und das ist gut so.

 

◄ zurück       zum Seitenanfang ▲       weiter ►